Wappen aus Calw

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derZaphod
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Wappen aus Calw

Beitrag von derZaphod » 03.03.2016, 00:46

Hallo, in der Stadtmauer zu Calw in Württemberg ist folgendes Wappen eingelassen
Leider haben weder die Stadthistoriker noch ortsgeschichtlich kundige Menschen eine Idee,wem es zuzuordnen ist und auch ich hab bisher vergeblich geforscht
Von der Ausführung her ist es ein Allianzwappen mit 4 Helmen, das zu einer Adelsfamilie mit eigener Territorialherrschaft gehört haben muß.stilistisch passt es ins 15.Jahrhundert
Der Schild ist geviert mit einem Herzschild,der eine Rose zeigt
auf 1 und 3 befinden sich drei Straussenfedern über einem Gegensparren
auf 2 und 4 befinden sich in einem von einem Balken schräglinksgeteilten Feld oben ein
sechsstrahliger Stern und unten möglicherweise eine Rose oder ein Stern . Ob sich auf dem Balken noch eine gemeine Figur befand ist nicht erkennbar.
Das Oberwappen besteht aus 4 bekrönten Bügelhelmen mit Halskleinod
1 zeigt als Helmzier einen offenen Flug der mit einer Rose belegt ist
2 zeigt als Helmzier drei Straussenfedern
3 zeigt den Rumpf eines Fabeltiers, entweder Drache oder Panther oder Antilope
4 ist leider aufgrund der Verwitterung nicht klar zu erkennen

4 zeigt eine Helmzier ,die aufgrund der Verwitterung nicht mehr zu erkennen ist

Das Herzschild dürfte das Stammwappen sein, Feld 1 und 3 das des Ehegatten und 2 und 4 das der Gemahlin
die Helme können entweder genealogisch gedeutet werden (1Mann/2 Ehefrau/3 Großeltern des Mannes /4 Großeltern der Ehefrau ) , was hier aber nicht ganz passen würde oder territorial, wobei die Territorien nach Wichtigkeit und Anspruch geordnet sind- das scheint mir hier zuzutreffen.
Leider ist keine farbige Fassung erhalten.

Hat jemand von Euch eine Idee,wem man das Wappen zuordnen könnte `?

derZaphod
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Re: Wappen aus Calw

Beitrag von derZaphod » 06.03.2016, 17:51

Da offenbar niemand eine Idee hat frag ich mal nach den Einzelteilen,da die auch ungewöhnlich sind:

1)Kennt jemand ein Wappen,in dem drei Straussenfedern über einem Sturz - oder Gegensparren angeordnet ist
Das zugehörige Oberwappen besteht vermutlich aus drei Straussenfedern
zumindest dieses Wappen scheint mir doch eher ungewöhnlich

2)Kennt jemand ein Wappen bei dem ein Schräglinksbalken von zwei sechsstrahligen Sternen oder oben von einem Stern und unten von einer Rose flankiert wird. Das zugehörige Oberwappen besteht vermutlich aus einem offenen,mit jeweils einem Stern belegten Flug

so jetzt hab ich auch das Foto vom Gesamtwappen reingekriegt;
Bild

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Markus
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Re: Wappen aus Calw

Beitrag von Markus » 07.03.2016, 18:35

Ich kann mir nicht vorstellen, dass hier niemand eine Idee hat. Hallo, Fachleute!!
Heraldische Grüße
Markus

Vollwappen im Wappenindex Greve:
https://www.familie-greve.de/wappeneint ... &wid=72488

Joachim v. Roy
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Wappen v. Chontzin

Beitrag von Joachim v. Roy » 08.03.2016, 12:30

Nach langer Suche:

Hier handelt es sich um das erweiterte Wappen der österreichischen Herren v. C h o n t z i n .
Im Siebmacher'schen Wappenbuch vom Jahre 1605 stellte sich das Wappen noch wie folgt dar:
http://www.wappenbuch.de/pages/wappen_38_Siebmacher.htm

Freundliche Grüße vom Rhein

Joachim v. Roy
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Die Grafen v. Chontzin

Beitrag von Joachim v. Roy » 08.03.2016, 18:53

Nachtrag

Christian Friedrich August v. Meding, „Nachrichten von adelichen Wappen“, Teil III, Weißenfels u. Leipzig 1791, S. 107/108 (und nach ihm Johann Christian v. Hellbach, „Adels-Lexikon“, Bd. I, Ilmenau 1825, S, 241) zufolge stammen die GRAFEN CHONTZIN (auch: CONCIN) FREIHERREN ZU WIESENBURG a.d. LEHNA aus Italien, von wo aus sie über Tirol nach Österreich gelangten (Reichsfreiherrnstand von 1607, Reichsgrafenstand
von 1645).

MfG

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Re: Wappen aus Calw

Beitrag von derZaphod » 08.03.2016, 20:09

Vielen Dank für die Recherche und die Antwort
Da hätte ich beim lokalen Adel in der Gegend um Calw lange suchen können :lol:
Jetzt stellt sich nur für die Lokalhistoriker die Frage ,wie das Wappen in die Stadtmauer gekommen ist

Grüße vom Rhein zum Rhein

Joachim v. Roy
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Die Grafen v. Chontzin

Beitrag von Joachim v. Roy » 08.03.2016, 21:08

In der „Allgemeinen Literatur-Zeitung vom Jahre 1828“, Bd. II, Halle und Leipzig 1828, Sp. 45, wird Hellbachs „Adels-Lexikon“ berichtigt: danach hießen die GRAFEN CHONTZIN n i c h t „FREIHERREN ZU WIESENBURG a.d. LEHNA“, s o n d e r n „FREIHERREN VON WEISSENBURG a.d. BIELACH“.

Bei dem in die Stadtmauer zu Calw eingemauerten Wappen handelt es sich also um das 1 6 4 5 verliehene
g r ä f l i c h e Wappen der Herren v. Chontzin (Hinweis auf die 4 Helme).

MfG

Kleinschmid
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Re: Wappen aus Calw

Beitrag von Kleinschmid » 09.03.2016, 09:15

derZaphod hat geschrieben:Jetzt stellt sich nur für die Lokalhistoriker die Frage ,wie das Wappen in die Stadtmauer gekommen ist
Nun, das Stadtarchiv Calw zählt zu den "Bedeutenden Frauen und Männer" der Stadt u.a. die Freiherren v. Bouwinghausen-Walmerode, (siehe die in 2005 vom Stadtarchiv Calw herausgegebene Veröffentlichung dazu, S. 36 ff.).
Schloßgut Zavelstein gehörte zur Vogtei Calw und ging pfandweise 1616 (1621 erworben) von Herzog Johann Friedrich v. Württemberg an den Hofrath Benjamin v. Bouwinghausen. Dessen Sohn war Jakob Friedrich v. B., Herr zu Altburg, Zavelstein und Weltenschwann, württemb. Rat, Kammerherr, Obervogt zu Calw (+1686).
Benjamin hatte seine zweite Frau, Johanna Ursula von Concin (oder Concini), in Wien kennengelernt, die aus einem alten protestantischen Adelsgeschlecht Österreichs stammte. Am Pfingstmontag, den 31. Mai 1621 fand ihre Trauung in Wien statt.
1632 trug sich ein Bouwinghausen-Walmerode in das Stammbuch eines Paul Jenisch ein (befindet sich in Stuttgart, Württembergische Landesbibliothek: Cod. hist. 4° 298. 299, Seite 41r) und fügte sein Allianz-Wappen Bouwinghausen-Concin an.

Das wäre ein Forschungsansatz, denn das grfl. Wappen gab es ja erst seit 1645, diese Ursula trug sich 1621 noch als "... geborene Freyfaw von Konzin" in ein Kirchenbuch von Schöcking ein. Jetzt müßte man schauen, ob die Grafenwürde auf sie überging und sich die Bouwinghausen-Nachfahren dessen bedienen durften.

Joachim v. Roy
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Grafen v. Chontzin

Beitrag von Joachim v. Roy » 09.03.2016, 13:27

In Kneschke's „Adels-Lexicon“, Bd. I, Leipzig 1859, S. 604-605, ist k e i n e Rede davon, daß die aus dem Westerwald (Wallmerode) stammenden FREIHERREN v. BOUWINGHAUSEN u. WALLMERODE, welche nach 1636 der schwäbischen Ritterschaft angehörten und die dem Hause Württemberg wertvolle Dienste leisteten, den Namen oder das Wappen der GRAFEN CHONTZIN angenommen hätten.

MfG

Kleinschmid
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Re: Wappen aus Calw

Beitrag von Kleinschmid » 09.03.2016, 16:58

Joachim v. Roy hat geschrieben:... ist k e i n e Rede davon, daß die FREIHERREN v. BOUWINGHAUSEN ... den Namen oder das Wappen der GRAFEN CHONTZIN angenommen hätten.
Nur der Erfasser des Stammbuches bez. es als "Allianz-Wappen"...
Allerdings ist hier noch gar nicht auf die Auffindesituation eingegangen worden. Wurde das Wappen für diesen Ort geschaffen? Wurde es dort erst im Historismus (aus einer Grablage?) angebracht? Befand sich eine Kirche in der Nähe, Abmessungen?
Jedenfalls war die Familie Bouwinghausen m.E. ganz besonders an ihren Wappen interessiert. Befanden sich doch am Grabmal des o.g. Benjamin ursprünglich immerhin 48 (!) Wappen. Seine 16, die 16 seiner 1. und die 16 seiner 2. Ehefrau, eben der Ursula Johanna von Concin. Heute sind es etwas weniger. Es läßt sich in der Stuttgarter Hospitalkirche anschauen.
Die Ursula war die Tochter des bereits 1596 verstorbenen Johann Christoph v. C. u.d. Barbara v. Pranckh, die in ooII. Gundaker v. Polheim. Der Freiherrenstand kam erst 1607 an die Familie. Ihr Bruder Johann Ulrich erscheint aber als Freiherr - der Titel kam also auch auf ihre Linie, obwohl der Vater bereits tot war. Und u.a. eben dieser Johann Ulrich wurde 1645 in den Grafenstand erhoben, weswegen sie womöglich fortan als geb. Gfn. v. Concin auftrat.
Als vermeintliche Stammutter einiger Calwer Vögte (es gab da verm. mehrere, nicht nur der o.g.) sollte das gräfl. Wappen der Familie Concin dort durchaus öfters anzutreffen gewesen sein.

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Re: Wappen aus Calw

Beitrag von GM » 09.03.2016, 21:42

Obwohl es ja nicht neu ist, bin ich immer wieder beeindruckt von der reichhaltigen und profunden Kenntnis der Quellenlage.
Chapeau, meine Herren!

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Re: Wappen aus Calw

Beitrag von Frank Martinoff » 10.03.2016, 01:53

... es war aber Jacob Friedrich Obervogt zu Calw :?:
https://books.google.de/books?id=vOFDAA ... lw&f=false

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Re: Wappen aus Calw

Beitrag von Kleinschmid » 10.03.2016, 10:36

Die Sache ist noch nicht in trockenen Tüchern. Daß das Wappen tatsächlich in direktem Bezug zu Ursula Johanna steht, müßte man noch abklären. Möglicherweise hatte nach hier ein 'richtiger' Graf der Familie von Wien aus nach Calw geheiratet. Diese Linie war ja evangelisch und in Wien war das damals durchaus nicht so einfach. Sicher hat sie aber die ursprüngliche Beziehung von Wien/Familie Concin nach Calw/Familie Bouwinghausen hergestellt.

Letztlich gelöst hat das Problem aber natürlich Herr v. Roy.

Der Obervogt war ein Sohn des Benjamins - siehe: Beschreibung des Oberamts Calw (Beschreibung des Königreichs Württemberg, Nr. 40), Stuttgart 1860, S.373.

Joachim v. Roy
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Wappen aus Calw

Beitrag von Joachim v. Roy » 10.03.2016, 12:13

Zuviel der Ehre, Herr Kleinschmid,
denn was wären wir ohne Sie und ohne Ihr Fachwissen.

In Verbundenheit
Ihr Roy

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Re: Wappen aus Calw

Beitrag von derZaphod » 12.03.2016, 12:20

Vielen Dank nochmal für die umfangreichen Auskünfte :D ganz ,ganz prima !!!
Eine Frage hätte ich allerdings noch
Das Wappen weist ja eine "Wappenmehrung" in Form eines Federbusches auf, die auch auf einem separaten Helm als Helmzier nochmal wiedergegeben ist.
Was könnte es damit auf sich haben ?
Als Beizeichen oder Gnadenzeichen scheint es mir zu groß und zu atypisch.
Ist das möglicherweise ein Hinweis auf eine mehr oder weniger legitime Seitenlinie oder eine Art Amtszeichen ?

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